Wie ein Weibo-Tagebuch in die Mühle der Pandemiepolitik geriet: die Kontroverse um das Wuhan Diary.

Von Manya Koetse

Der kritische Online-Bericht von Fang Fang über den COVID-19-Ausbruch in Wuhan wurde weithin gefeiert, bevor er scharf verurteilt wurde. Dies ist ein Einblick in eine der größten Kontroversen in Chinas Online-Medien in diesem Frühjahr und ein Abriss darüber, wie die renommierte chinesische Schriftstellerin von einer Verbündeten in Zeiten des Lockdown zu einer Verräterin der Pandemiepolitik wurde.

Während China ganz allmählich wieder zum Alltag zurückfindet, dominiert die Corona-Krise nach wie vor die Diskussionen in den sozialen Medien. Doch die Art und Weise, wie das Virus in Online-Debatten zur Sprache kommt, hat sich in den letzten Wochen, seitdem die globale Gesundheitskrise zunehmend politisiert wird, verändert. Anstatt ein Zeichen globaler Solidarität zu setzen, hat die Pandemie rund um den Globus zu zahlreichen Schuldzuweisungen in Online-Medien und sozialen Netzwerken geführt.

Wer ist an der Verbreitung des Virus schuld? Wer tut sich hervor, welche Staatsführung agiert besser und wo wird mit der Krise schlecht umgegangen? Was sind Fake News, was ist die Wahrheit? Wer schreibt oder sagt was aus welchem Grund?

Irgendwo innerhalb dieser Corona-Medienkriege und politischen Spielchen steht auch die Kontroverse um das Wuhan Diary, die sich in letzter Zeit zu einem hitzigen Diskussionsthema bei Weibo und darüber hinaus hochgeschaukelt hat.

FANG FANG UND IHR WUHAN DIARY

Fang hat die Dinge ausgesprochen, die so viele Menschen sagen wollten, und die Fragen gestellt, auf die so viele eine Antwort wollten.

Das Wuhan Diary (武汉日记) wurde von der 65-jährigen gefeierten chinesischen Autorin Wang Fang verfasst, besser bekannt als Fang Fang (方方). Es ist ein Online-Bericht über den Lockdown von Hubei 2020 und wurde zunächst auf WeChat und Weibo veröffentlicht.

Während der gesamten Zeit der Abriegelung im Januar, Februar und März schrieb Fang Fang über das Leben in Quarantäne in der Provinzhauptstadt Wuhan, dem Epizentrum des Ausbruchs, und dokumentierte alles vom Wetter über die neusten Nachrichten bis hin zu den persönlichen Geschichten und Tragödien hinter der sich abzeichnenden Krise.

Fang Fangs 60 Einträge umfassendes Tagebuch wurde auf ihrem Weibo-Account (@方方) veröffentlicht, der etwa 3,8 Millionen Follower zählte zu dieser Zeit, von Ende Januar kurz nach Beginn des Shutdowns bis Ende März, als das Ende der Quarantäne bekanntgegeben wurde.

Kurz nachdem sie ihren Account eröffnet hatte, stießen Fangs tägliche Aufzeichnungen auf große Resonanz. Inmitten der Panik und Unsicherheit in den ersten Tagen der Abriegelung wurden die sozialen Medien mit Gerüchten, Fake News und Fehlinformationen überflutet. Chinesische Internetnutzerinnen suchten nach alternativen zuverlässigen Quellen, um herauszufinden, was in Wuhan wirklich geschah.

Fangs Online-Tagebuch versorgte die Menschen mit Informationen über das neue Coronavirus, aber es fing auch die Emotionen und Kämpfe der Menschen in Wuhan ein. Bald wurde sie zu einer Primärquelle für das, was in der Stadt vor sich ging; sie war die Stimme einer unter Quarantäne stehenden Stadt in Not. In einer Zeit, in der sich die Menschen nach ungefilterten Informationen sehnten und den offiziellen Medien misstrauten, wurden ihre Worte für viele zu einem Anker in einem Meer aus verwirrenden Nachrichtenströmen.

Die Tatsache, dass Fang eine angesehene Autorin ist, trug zur Popularität ihrer Online-Aufzeichnungen bei. Mit ihren einfühlsamen Schilderungen des Alltagslebens in Wuhan war sie seit langem eine wichtige Autorin regionaler Literatur. Ihre Texte erfahren bereits seit den 1980er Jahren Beachtung, als sie einen Preis für den besten nationalen Roman gewann (Landschaft 风景, 1987). Sie blieb über die Jahre eine relevante Autorin, die 2010 sogar den renommierten Lu-Xun-Literaturpreis erhielt.
 Quelle: weibo.sina.com
Bei der Dokumentation des Lebens in Wuhan während des COVID-19-Ausbruchs berührte Fang viele sensible Themen. Sie schrieb nicht nur über Probleme wie überfüllte Krankenhäuser und Maskenmangel, sondern stellte auch unverhohlen in Frage, wie die Behörden mit der Krise umgingen, und warnte andere Schriftsteller vor der Manipulation durch die Propaganda.

Nach dem Tod des „Whistleblower“-Arztes Li Wenliang in der Nacht vom 6. Februar kochte die Wut in den chinesischen sozialen Medien hoch, gegen chinesische Behörden und die staatlichen Medien. Der Volkszorn war spürbar, sowohl online als auch offline.

Während viele von Fangs Veröffentlichungen in den sozialen Medien zensiert und ihr Weibo-Konto vorübergehend gesperrt wurde, bekam das online verfügbare Wuhan Diary nur noch mehr Aufmerksamkeit, da sich die täglichen Einträge (oder Screenshots) nun wie ein Lauffeuer über WeChat verbreiteten. „Liebe Internet-Zensoren, ihr solltet das Volk von Wuhan sprechen lassen“, schrieb Fang im Februar.

Indem sie von der chinesischen (lokalen) Führung mehr Transparenz und Rechenschaftspflicht forderte, sprach Fang die Dinge aus, die so viele Menschen sagen wollten, und stellte die Fragen, auf die so viele Antworten wollten.

DIE UMKEHRUNG DER WIR-GEGEN-SIE-DYNAMIK

Auf wessen Seite steht sie eigentlich?

Es dauerte nicht lange, bis Fangs Online-Tagebuch internationale Aufmerksamkeit erlangte. Mitte Februar erschienen auch in ausländischen Medien Artikel über das „verbotene Tagebuch“ aus Wuhan.

Auch wenn Fangs Online-Beiträge schon zuvor manche Gegenreaktion provoziert hatte—ihren Kritikern missfiel vor allem, dass viele ihrer Tagebucheinträge nicht auf Fakten, sondern „nur auf Hörensagen“ basierten —wendete sich die öffentliche Meinung erst im April wirklich gegen das Wuhan Diary, nachdem bekannt wurde, dass eine internationale Ausgabe ihres Tagebuchs über Amazon im Vorverkauf erhältlich war.
 Quelle: Screenshot
Zunächst gab es die Ankündigung der englischen Version mit dem Titel Wuhan Diary: Dispatches from the Original Epicenter (später geändert in Wuhan Diary: Dispatches from a Quarantined City, Übersetzung von Michael Berry, herausgegeben von Harper Collins); dann eine deutsche Ausgabe, die von Michael Kahn-Ackermann übersetzt und im Verlag Hoffman und Campe herausgegeben wird.

Die Kritik, der sich Fang Fang seither in den chinesischen sozialen Medien ausgesetzt sieht, ist beispiellos. Viele ihrer Online-Leser halten sie heute nicht mehr für eine Verbündete Wuhans, sondern für eine „Verräterin“ Chinas, und behaupten, sie würde China in den Schmutz ziehen, um persönlichen Profit daraus zu schlagen. Sie würde nur über Negatives und Düsteres schreiben, um den Ländern in die Hände zu spielen, die China schlecht machen wollten. Die Autorin musste einen Shitstorm aus Morddrohungen und verletzenden Kommentaren über sich ergehen lassen.

Die Gegenreaktion gegen Fang Fang wäre wohl weniger heftig ausgefallen, wäre man angesichts der weltweiten Verbreitung von COVID-19 mit China nicht international hart ins Gericht gegangen. Zum Zeitpunkt des frühen Coronavirus-Ausbruchs und des ersten Tagebucheintrags von Fang Fang war die Corona-Krise noch eine nationale und bis zu einem gewissen Grad sogar eine regionale Krise. Viele sahen in Fang eine in Wuhan geborene und gefeierte Autorin, eine Fürsprecherin des Volkes in Zeiten von Angst, Unsicherheit und kollektivem Leid.

Doch als China zunehmend unter internationalen Druck geriet in Bezug darauf, wie man mit der Epidemie in ihrer Anfangsphase umgegangen war, wuchsen die ausländerfeindlichen und nationalistischen Ressentiments von Tag zu Tag. Als China dafür verantwortlich gemacht wurde, die Pandemie verursacht zu haben—der amerikanische Präsident Trump deutete sogar an, China habe dies absichtlich getan—ging eine Welle von wütendem Nationalismus durch die sozialen Medien in China und das Wuhan Diary verfing sich in der nun umgedrehten Wir-gegen-sie-Dynamik der chinesischen COVID-19-Krise.

In den Augen zahlreicher chinesischer Internetnutzer liefert eine übersetzte Version von Fangs kritischem Bericht über den Wuhan-Ausbruch den Gegnern Chinas nur noch mehr Munition. Allein schon die Beschreibung der angekündigten Übersetzung bei Amazon wurde für viele zu einem Quell der Empörung, da sie angeblich zu viel Gewicht auf Chinas falschen Umgang mit dem frühen Corona-Ausbruch legte. Auch die Tatsache, dass der Originaltitel des Buches betonte, dass COVID-19 seinen Ausgang in Wuhan genommen hatte, wurde von vielen Netizens als beleidigend empfunden. „Auf wessen Seite steht sie eigentlich?“, fragten sie sich.

„Westliche Länder greifen das Vaterland an und Fang Fang liefert ihnen wissentlich im Voraus die Munition“, so ein Weibo-Kommentator aus Peking.

EIN DAUERTHEMA

Ihr Wuhan Diary wird westliche Irrmeinungen über China weiter verschlimmern!

„Ihr Wuhan Diary wird westliche Irrmeinungen über China weiter verschlimmern!“

Die Kontroverse um das Wuhan Diary scheint anzudauern. Anfang Mai wurde berichtet, dass mindestens zwei chinesische Akademiker verwarnt wurden, weil sie sich für Fang Fang ausgesprochen hatten. Die Online-Diskussionen gehen weiter. Bis jetzt hat der Weibo-Hashtag „Fang Fang Diary“ (#方方日记#) über 670 Millionen Aufrufe erhalten, und auch auf ähnliche Hashtags wurde tausendfach geantwortet.

Auf der Weibo-Seite von Fang Fang, die inzwischen von mehr als 4,6 Millionen Internetnutzern abonniert wurde, hat die Autorin in zahlreichen längeren Posts auf die jüngsten Kontroversen und Anschuldigungen reagiert und behauptet, dass die meisten ihrer Kritiker, die ihr vorwerfen nur Negatives zu schreiben, ihr Tagebuch nicht einmal gelesen hätten. Sie argumentiert, dass es sich bei ihrem Text um den Bericht einer inmitten einer Katastrophe gefangenen Bürgerin von Wuhan handelt, und dass er nicht aus diesem Zusammenhang gerissen werden dürfe.

Fang Fang ist nicht die erste chinesische Schriftstellerin, die sich online einem harten Gegenwind ausgesetzt sieht dafür, wie „China“ der Außenwelt präsentiert wird. Abgesehen von der Tatsache, dass die chinesische Literatur praktisch untrennbar mit der Politik verbunden ist, gibt es eine enorme Anzahl chinesischer Internetnutzer, die bereit sind, sich darüber zu empören, dass China falsch interpretiert, verspottet, gedemütigt oder anderweitig vom Ausland beleidigt wird.

Diese Art von zornigem Nationalismus tritt häufig im chinesischen Internet zutage und tut dies schon seit den Anfängen der sozialen Medien in China. Laut Ying Jiang, dem Autor von Cyber-Nationalism in China, lassen sich die Wurzeln dieses „wütenden Nationalismus“, der sich heutzutage durch die chinesischen Netizens ausdrückt, bis in die moderne Geschichte Chinas zurückverfolgen, genauer gesagt bis zum „Jahrhundert der Erniedrigung“ (Mitte des 18. Jahrhunderts bis nach dem Zweiten Weltkrieg), in dem China von ausländischen Imperialisten de facto kolonialisiert und ausgebeutet wurde.

Dieser Teil der Geschichte war über Jahrzehnte ein wichtiger Bestandteil chinesischer Bildungskampagnen. Dabei hat China mit seinem wirtschaftlichen Aufschwung das Erstarken einer patriotisch eingestellten Bevölkerung erlebt, die in einer Weise nationalistisch ist, die sich auch zunehmend gegen das Ausland richtet.

Vor allem in besonderen Zeiten wie während des Ausbruchs des Coronavirus—eine Gelegenheit für China, eine stärkere internationale Führungsrolle zu übernehmen—sind negative Darstellungen des Landes, seiner Regierung und deren Umgang mit der COVID-19-Krise in den Medien heikel und umstritten. Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist, dass drei Journalisten des Wall Street Journal im Februar aus China ausgewiesen wurden, weil sich die Zeitung weigerte, sich für einen veröffentlichten Meinungsartikel mit dem Titel „China ist der wirklich kranke Mann Asiens“ zu entschuldigen.

Die Online-Wut über Fangs übersetztes Werk wird nicht so schnell verrauchen. Die Diskussionen auf Weibo dauern an. „Fang Fang, dein Wuhan Diary, das sich nur aufs Hörensagen stützt und übermäßig subjektiv ist, wird die falsche Vorstellung des Westens von China weiter verschlimmern und nur noch mehr westliche Menschen dazu bringen, Chinesen zu diskriminieren! Du wirst als Schande in die Geschichte eingehen“, schrieb ein Weibo-Nutzer Anfang Mai.

Obwohl bei weitem keine Einigkeit darüber besteht, wie das Wuhan Diary letztlich in Erinnerung bleiben wird, haben all die Aufregung und Kritik das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Existenz des Buches nur noch geschärft; mit Sicherheit wird es in die Wirkungsgeschichte von COVID-19 in China und der damit einhergehenden Medienkriege im Internet eingehen.

Die englische Übersetzung des Wuhan Diary soll am 19. Mai bei Kindle erscheinen, die deutsche Übersetzung wird für den 9. Juni erwartet. Für die Website der China Digital Times hat Josh Rudolph außerdem Teile von Fangs Arbeit übersetzt.

QUELLEN UND WEITERFÜHRENDE LITERATUR