Chinas Gesundheitssektor steht vor großen Herausforderungen. Im Zuge der rapiden Digitalisierung der chinesischen Gesellschaft bieten mobile Apps jetzt innovative Lösungen, um dem Notstand im Gesundheitswesen des Landes Abhilfe zu verschaffen.

Von Manya Koetse

Sozialkreditsystem, Künstliche Intelligenz, Überwachungskameras. Drei Schlagworte, die regelmäßig unter den Top-Themen sind, wenn es in den Schlagzeilen westlicher Mainstream-Medien um die jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit China geht.

Mit der rasanten Digitalisierung der chinesischen Gesellschaft spielen diese Themen auch in den Debatten der sozialen Medien innerhalb der Volksrepublik China eine immer wichtigere Rolle. Wenn es allerdings ein Problem gibt, das chinesischen Social-Media-Nutzer*innen wirklich auf den Nägeln brennt, dann ist das weder die automatische Gesichtserkennung noch das eigene Rating im Kreditsystem von Alibaba. Es ist das Thema Gesundheitsversorgung.

Im Dezember 2017 wurde ein Foto über Nacht viral im chinesischen Internet. Es zeigte eine weinende Mutter, die vor einem Kleinkind auf dem Bürgersteig vor einem Shanghaier Krankenhaus in die Knie geht. Ein Reporter hatte den Moment mit seiner Kamera eingefangen, als er das Shanghai’s Children’s Hospital besuchte.
Das Foto von Guo Yinzhen und ihrem Sohn, das in China viral wurdeDas Foto von Guo Yinzhen und ihrem Sohn, das in China viral wurde | Bild von NetEaseBei der Mutter, Guo Yinzhen, handelte es sich um eine alleinerziehende Mutter, die aus einem abgelegenen Dorf angereist war, um medizinische Hilfe für ihren dreijährigen Sohn zu suchen, der an einem angeborenen Hydrozephalus, also an Wasser im Gehirn litt. Nachdem Guo bereits mehrmals in die Stadt gereist war und ihr gesamtes Geld für Arztrechnungen ausgegeben hatte, konnte sie sich die zusätzlichen 100.000 Yuan (12.600 Euro) für die medizinischen Eingriffe, die erforderlich gewesen wären, um das Leben ihres Sohnes zu retten, nicht mehr leisten. Guos Geschichte traf einen Nerv der chinesischen Netizens, die das herzzerreißende Bild bis heute in den Sozialen Medien teilen. Das Foto wurde zum Sinnbild für die Missstände im chinesischen Gesundheitswesen.

ÜBERFÜLLTE KRANKENHÄUSER UND „KRANKENHAUSKRAWALLE“

Der Schlüssel zu einem funktionierenden Gesundheitssystem liegt – und das gilt gleichermaßen für jeden Ort dieser Welt – darin, dass sich das sogenannte „eisernen Dreieck“ aus Effizienz beziehungsweise Kosteneindämmung, hochwertiger Versorgung und Patientenzugang in einem stabilen Gleichgewicht befindet. In China allerdings kämpft man an allen drei Fronten dieses Dreiecks.

Der Fall von Guo mag ein Extrembeispiel sein. Doch viele Menschen in China haben, auch wenn sie unter harmloseren gesundheitlichen Beschwerden leiden und medizinische Grundversorgung benötigen, ebenfalls Schwierigkeiten, sich die benötigte ärztliche Betreuung zu leisten und überhaupt Zugang zu ihr zu erhalten.

Über 95% der Chinesen sind krankenversichert, jedoch genießen Menschen aus verschiedenen Regionen nicht die gleichen Leistungen und ihre persönlichen Ausgaben können stark variieren. Die von Krankenkassen nicht übernommenen medizinischen Kosten können sich manchmal verhängnisvoll auswirken, weil sie für Patientinnen und ihre Familien schlichtweg unerschwinglich sind.

Da in China ein Großteil des Geldes in die Gesundheitseinrichtungen der Städte fließt, sind auch die großen Unterschiede hinsichtlich der fachlichen Qualifizierung des medizinischen Personals sowie die allgemeine Qualität der Gesundheitsversorgung ein Thema. Schließlich befindet sich die überwiegende Mehrheit moderner Kliniken nach wie vor in städtischen Gebieten.

Der direkte Zugang zur geeigneten medizinischen Versorgung kann insbesondere für die ländliche Bevölkerung Chinas zum Problem werden, da die Menschen oft aus weiter Entfernung anreisen müssen. Vor Ort stehen ihnen langwierige Registrierungsprozesse und das Warten auf einen Arzttermin bevor, was manchmal erfordert, dass sie über Nacht in der Stadt bleiben müssen.

Aus all diesen Gründen sind Chinas größere öffentliche Krankenhäuser regelmäßig hoffnungslos überfüllt und erinnern dann an Shoppingmalls während des Schlussverkaufs. In den sozialen Medien beklagen sich sowohl Patienten als auch Personal häufig über den Stress, der durch den riesigen Menschenandrang und Ärztemangel in Krankenhäusern im ganzen Land herrscht.

Da ist es kein Wunder, dass es in China sogar ein eigenes Wort gibt, um Gewaltausbrüche von Patienten gegenüber Ärzten zu beschreiben: Yī’nào (医闹, wörtlich: „Krankenhauskrawalle“).
Weibo-Nutzer „sunscreen“ beklagt sich über die Menschenmassen im Shanghaier Huashan HospitalWeibo-Nutzer „sunscreen“ beklagt sich über die Menschenmassen im Shanghaier Huashan Hospital | © sunscreenEin Hauptproblem innerhalb des Labyrinths des chinesischen Gesundheitssektors ist der Mangel an lokalen Hausärzten beziehungsweise die unzureichende primäre Grundversorgung. Was dazu führt, dass größere Krankenhäuser für chinesische Patientinnen oftmals zur ersten Anlaufstelle für jede Art der medizinischen Behandlung werden.

Die Gründe für dieses Problem sind vielfältig. So fehlt es beispielsweise generell an Vertrauen in private und kleinere örtliche Kliniken. Oft entscheiden sich die Patienten dafür, direkt ein größeres Krankenhaus aufzusuchen, um zusätzliche Kosten zu vermeiden.

Dies macht es für viele kommunale Gesundheitszentren – die ohnehin schon in existentiellen Schwierigkeiten stecken – besonders schwierig, genügend Umsatz zu machen und qualifiziertes Personal zu finden. Und angesichts einer rapide alternden Gesellschaft werden die Herausforderungen, vor die der chinesische Gesundheitssektor steht, nicht geringer.

„AN APP A DAY KEEPS THE DOCTOR AWAY“

Im Zuge der raschen Digitalisierung sprießen täglich neue innovative Apps aus dem Boden. Einige der Anwendungen, die es in Chinas Rangliste der populärsten Apps geschafft haben, bieten Lösungen für dringende Missstände im chinesischen Gesundheitssektor.

Eine dieser Apps nennt sich Ping An Good Doctor (平安好医生). Die Anwendung wurde 2015 vom Krankenversicherer Ping An entwickelt und bezeichnet sich selbst als Chinas „universelles Gesundheitsökosystem“.
Ping An Good Doctor, Werbebild von Ping AnPing An Good Doctor, Werbebild von Ping An | © Ping AnMit einem internen Team von rund 1.000 angestellten medizinischen Mitarbeitern, über 5.200 externen Vertragsärztinnen und durch die Zusammenarbeit mit 3.000 Krankenhäusern und Tausenden von niedergelassenen Apotheken im ganzen Land ist die App so etwas wie ein „Online-Krankenhaus“.

Mithilfe der App können Benutzer sich durch eine Online-Datenbank medizinischer Fachkräfte klicken, Medizin in nahegelegenen Apotheken bestellen, rund um die Uhr ärztliche Beratung erhalten und nach Informationen sowohl über westliche als auch traditionelle chinesische Medizin suchen. Und nicht nur das, Ping An Good Doctor lässt sich zudem als Fitness-App verwenden, die dabei hilft den eigenen Gesundheitszustand zu überwachen.
Screenshots der Ping An-App (erstellt durch die Autorin)Screenshots der Ping An-App (erstellt durch die Autorin) | © Ping AnBei der Suche nach einem bestimmten Arzt für eine persönliche Beratung kann die Anwenderin zunächst ein medizinisches Fachgebiet (z.B. Dermatologie oder Gynäkologie) auswählen und erhält dann eine Liste verschiedener Spezialistinnen in unterschiedlichen Preiskategorien.

So verlangen beispielsweise Ärzte aus renommierten Krankenhäusern oder solche mit exzellenten Bewertungen für eine einmalige Konsultation eine Gebühr von 100 Yuan (12,60 Euro). Andere Ärztinnen können schon ab 30 Yuan (3,70 Euro) gebucht werden. Und immer können sämtliche Kosten bequem über Online-Bezahlsysteme beglichen werden.
App-Ärzte der verschiedenen PreiskategorienApp-Ärzte der verschiedenen Preiskategorien | © Ping AnPing An Good Doctor verwendet ein KI-gesteuertes System, um den Patienten diverse Fragen zu ihren Symptomen zu stellen. Um Zeit zu sparen, wird für jede Userin automatisch eine Krankenakte angelegt. Basierend auf der KI-generierten Dokumentation und dem Gespräch mit dem Patienten – auch Dateien wie Fotos lassen sich in die App hochgeladen – können die Ärztinnen bei Bedarf Medikamente verschreiben oder den Patienten wenn nötig zu einem Offline-Termin ins Krankenhaus überweisen.
 
Ping An gab kürzlich bekannt, dass die Zahl der registrierten Nutzer mittlerweile bei über 300 Millionen liegt, wobei 62 Millionen Anwender die App jeden Monat aktiv nutzen. Da sich die App durch das KI-gesteuerte System weiter selbst optimiert, ist für die Zukunft zu erwarten, dass der smarte Ping An Good Doctor mit steigender Popularität auch noch immer klüger wird.

Zwar ist Ping An derzeit führend unter Chinas Medizin-Apps, doch gibt es viele weitere Anwendungen, die ähnliche Dienstleistungen anbieten, beispielsweise Doctor Spring Rain (春雨医生), Good Doctor Online (好大夫在线) oder Doctor Dingxiang (丁香医生).

Das Entstehen dieser Apps ist nur eine von vielen Möglichkeiten, wie Chinas digitale Entwicklungen, Online-Medien und Technologieriesen die Gesundheitsindustrie beeinflussen, indem sie grundlegend die Art und Weise verändern, wie Patienten jetzt und in Zukunft Gesundheitsinformationen und Zugang zu medizinischen Dienstleistungen erhalten.

Liste der empfohlenen Medizin-Apps im t App Store von TencentListe der empfohlenen Medizin-Apps im t App Store von Tencent | © Tencent
In gewisser Weise schließt sich durch Chinas medizinische Beratungs-Apps die Lücke in der Offline-Grundversorgung. Patientinnen, die normalerweise als erste Anlaufstelle ein Krankenhaus ansteuern würden, können nun zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu relativ geringen Kosten medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Wer an relativ harmlosen Beschwerden leidet, kann per App eine fachärztliche Diagnose und innerhalb weniger Minuten die benötigte Medikation erhalten. Mit der wachsenden Popularität dieser Apps müssen viele Patienten womöglich überhaupt nie mehr ein Krankenhaus aufsuchen.

Sind folglich intelligente Gesundheits-Apps wie Ping An Good Doctor das Patentrezept für Chinas Probleme bei der Gesundheitsversorgung? Leider nein. Mütter in Not wie Guo Yinzhen werden auch dort nicht die Hilfe finden, die sie benötigen. Aber die Apps tragen zu einem effizienteren Gesundheitssystem bei, in dem sie den Patientenansturm auf die Krankenhäuser abfedern. Patienten müssen nicht viel Zeit und Geld investieren, um stundenlang in der Warteschlange zu stehen, nur um fünf Minuten mit ihrem Arzt zu sprechen.

Smarte Gesundheits-Apps konnten Guo Yinzhen und ihrem Sohn also auch nicht helfen, anders die Social-Media-Apps. Sobald sich die Geschichte Ende 2017 im Internet wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, bot die in Shanghai ansässige Stiftung für Kinderfürsorge Xiaoxingxin an, die Kosten für die medizinische Behandlungen des kleinen Jungen zu übernehmen, einschließlich der Operation durch einen renommierten Kinder-Neurochirurgen. Nach den letzten Informationen ist der Zustand des Jungen „vielversprechend“. Es bleibt zu hoffen, dass das chinesische Gesundheitswesen seine Herausforderungen ähnlich gut meistert.

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